Bleibt Osnabrück die Friedensstadt?
Szenische Lesung und Publikumsgespräch
Immer stärker hinterfragt wird aktuell der Begriff „Die Friedensstadt“. Denn seit die Stadt Osnabrück sich 1992 den Titel gab, hat sich die Welt stark verändert. Immer schwieriger wird es, vom Frieden zu sprechen, ohne den Preis zu nennen, der dafür gegebenenfalls zu bezahlen ist. Überall in Deutschland ist das so, aber in Osnabrück ist der selbst gestellte Anspruch deutlich höher: „Frieden als Aufgabe – dem Frieden verpflichtet“. Wie dieser identitätsstiftende Leitsatz umzusetzen ist, führt aktuell zu immer grundsätzlicheren Diskussionen. Erstmals fanden zwei getrennt angemeldete Ostermärsche für den Frieden statt. Seit VW das Aus der Cabrio- und Porscheproduktion verkündete, kämpft zum Beispiel die örtliche IG-Metall dafür, offen zu sein für Rüstung. Gleichzeitig tauchen Flugblätter mit IG-Metall-Logo auf, die das Gegenteil behaupten. Auszubildende schauen in eine ungesicherte berufliche Zukunft und werden gleichzeitig zur Musterung angeschrieben. Inzwischen wird regelmäßig zu Schulstreiks gegen die Wehrpflicht aufgerufen. Sichert Rüstung Frieden oder bewirkt sie das Gegenteil? Junge Männer beispielsweise, die aus der Ostukraine geflüchtet sind, haben viel Erfahrungen im Umgang mit Krieg und Frieden in ihrem Gepäck mitgebracht und stehen vor existentiellen Fragen.
Drei Theatermacher aus Berlin haben sich in den letzten Wochen mit verschiedenen Persönlichkeiten in Osnabrück getroffen, zugehört und nachgehakt. Wie navigieren die Menschen in unsicheren Zeiten? Wie lassen sich wirtschaftliche Interessen, persönliche Ideale und das gesellschaftliche Menschenbild in Einklang bringen? Was sind die Kriterien nach denen die Menschen ihre Haltung zu aktuellen Fragen einnehmen?
Die Autoren wenden den Aufruf auf einem Demo-Plakat „OS bleibt Friedensstadt!“ in den Titel ihres Theatertextes zu einer offenen Frage. Herausgekommen ist ein szenischer Röntgenblick auf Osnabrück, ihre Menschen und ihre Haltungen.
Im Anschluss an die Lesung findet eine Diskussion statt mit Bürgerinnen und Bürgern der Stadt und dem Publikum.
»Bleibt Osnabrück die Friedensstadt?« entstand im Rahmen des Projekts »Vom Widerspruch – Erzählungen über den Spätkapitalismus«. Es wurde entwickelt von anschlaege.de in Zusammenarbeit mit und Förderung durch die Otto Brenner Stiftung.
Pavlo Arie ist ein ukrainischer Dramatiker, Theaterregisseur und Drehbuchautor aus Kyjw (Kiew). Seine in den letzten Jahren in Deutschland entstandenen Arbeiten verbinden dramatische Formen mit Elementen des dokumentarischen Theaters und setzen sich mit Erfahrungen von Krieg, Exil und den Transformationen der europäischen Gesellschaft auseinander. Zu seinen jüngsten Theaterstücken zählen »Sich waffnend gegen eine See von Plagen« (Schaubühne Berlin), »Odyssee« (Düsseldorfer Schauspielhaus), »Sie kam aus Mariupol« (Münchner Kammerspiele), »Postcards from the East« (Schaubühne Berlin) sowie die zeitgenössische Adaption »König Lear – Der letzte Gang« (Theater und Orchester Heidelberg).
Uwe Gössel ist Theatermacher mit Sitz in Berlin. Aktuell im Spielplan am Theater Halle ist »Phentesile:a:s« zu sehen, das in Zusammenarbeit mit Sandra Hüller, Tom Schneider und weiteren entstanden ist (Shortlist Theatertreffen 2026). Er war von 2006 bis 2014 Leiter des Internationalen Forums des Theatertreffens der Berliner Festspiele und arbeitete zuvor als Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2024 leitet Uwe Gössel zusammen mit Thorleifur Örn Arnarsson das Projekt »Im Namen der Freiheit« an der Universität Hamburg künstlerisch. Als Theatermacher realisiert Uwe Gössel interdisziplinäre Produktionen, die sich mit der Tiefenzeit des Bodens und der Menschheitsgeschichte auseinandersetzen wie z.B. »Urban Mining Moabit.« in Berlin (ZKU, Kurt-Kurt) oder »Boden.Treff.Leipzig.« (Koproduktion mit Schauspiel Leipzig und dem Naturkundemuseum Leipzig). www.bodenproben.org
Das kollektive arbeitende Team von anschlaege.de beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit gesellschaftlicher Kommunikation und entwickelt mit künstlerischen und gestalterischen Mitteln Formate, die Veränderungen möglich machen. Beauftragt wurden sie u.a. von der Kulturstiftung des Bundes und Theatern wie Kampnagel (Hamburg), Maxim Gorki Theater (Berlin), Theater Augsburg oder Theater an der Parkaue (Berlin). Die Konzeption für »Vom Widerspruch« wurde von Steffen Schuhmann, einem der Mitbegründer vonanschlaege.de, für die Otto Brenner Stiftung entwickelt.
Die Otto Brenner Stiftung ist die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, benannt nach ihrem langjährigen Vorsitzenden Otto Brenner. Seit ihrer Gründung 1972 versteht sie sich als Ideenschmiede von Frankfurt am Main aus an der Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Ihr Stiftungszweck umfasst die Auseinandersetzung mit Fragen der nationalen und internationalen Gewerkschaftsarbeit sowie die Förderung sozialer Gerechtigkeit. Die Stiftung arbeitet an den Schnittstellen zwischen Gewerkschaftsbewegung, Wissenschaft, Aktivismus, Kunst und Öffentlichkeit. »Vom Widerspruch« ist ein von der Otto Brenner Stiftung gefördertes Projekt.
Veranstalter: anschlaege.de und Literaturbüro Westniedersachsen
Ort: Renaissancesaal des Ledenhofs, Am Ledenhof 3-5
Eintritt: frei
Anmeldung: nicht notwendig