Thomas Hettche „Pfaueninsel“

Buchtipp – Januar 2015

Thomas Hettche erhielt im November 2014 den Wilhelm Raabe-Literaturpreis für seinen Roman „Pfaueninsel“ – eine unerfüllte Liebesgeschichte und zugleich ein Essay darüber, wie die Lust am Fremden, Andersartigen im Zeitalter des Rationalismus abhanden kommt und der Ausgrenzung alles nicht der Norm Entsprechenden Platz macht.

Im Jahr 1806 kommen die Geschwister Christian und Marie auf die Pfaueninsel, deren Geschichte als Liebesnest Friedrich Wilhelms II. noch nicht lange zurückliegt. Marie ist so alt wie das Jahrhundert, und mit ihrer Lebensgeschichte verwebt Thomas Hettche die Geschichte der Insel ebenso wie die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Scheinbar geht die Zeit an dieser Insel vorüber, auf der Nützlichkeit und Schönheit in der Barockzeit noch eine Allianz eingehen konnten und auf die sich auch Friedrich Wilhelm III. noch gern von seinen Regierungsgeschäften zurückzieht. Doch anhand der Geschichte seiner Hauptfigur Marie zeigt Thomas Hettche, wie der Wandel auch vor dieser geschützten kleinen Welt nicht haltmacht. Marie und ihr Bruder sind kleinwüchsig. In der ausgehenden Barockzeit noch – gemeinsam mit Riesen, Südseebewohnern, exotischen Tieren und Pflanzen – als andersartig bestaunt, werden sie mit dem aufkommenden Rationalismus zunehmend ausgegrenzt.

Ihre Individualität und ihr Gefühlsleben können sie nur miteinander und mit den anderen Ausgeschlossenen teilen – und mit dem Leser. Ein Hoffnungsschimmer ist Maries Liebe zum jungen Gärtner Gustav Fintelmann, doch auch er ist ein Kind seiner Zeit. Thomas Hettche erzählt die Geschichte dieser unerfüllten Liebe „in einer sinnlich aufgeladenen Sprache, so distanziert klug wie menschlich einfühlsam“ (aus der Jurybegründung).

Thomas Hettche wurde 1964 in Treis am Rand des Vogelsbergs geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft in Frankfurt am Main. Heute lebt er, nach Auslandsaufenthalten u.a. in Krakau, Venedig, Rom und Los Angeles, als freier Schriftsteller in Berlin und in der Schweiz. Sein Romandebüt „Ludwig muß sterben“ wurde 1989 als Geniestreich gefeiert. Danach erschien unter anderem „Der Fall Arbogast“ (2001), ein Bestseller, der in zwölf Sprachen übersetzt worden ist. „Woraus wir gemacht sind“ (2006) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt veröffentlichte Hettche den hochgelobten Roman „Die Liebe der Väter“ (2010) und den autobiographischen Essayband „Totenberg“ (2012).


Von: Antje Bohnhorst, Raabe-Haus:Literaturzentrum Braunschweig