Stefano D'Arrigo: ›Horcynus Orca‹

Buchtipp – Juni 2016

Ins Deutsche übersetzt von Moshe Kahn. Die meisterhafte Übersetzung eines vergessenen Meisterwerks.

Horcynus Orca © S. Fischer Verlag

Die Landschaften um die Straße von Messina bilden die Brücke zwischen den Mythen der Antike und der Gegenwart. Hier, zwischen Skylla und Charybdis, hörte Odysseus den Gesang der Sirenen. An genau diesen Ort strebt der Held von Stefano D'Arrigos Meisterwerk ›Horcynus Orca‹, dem letzten großen unentdeckten Roman der Moderne, der nur mit Joyce, Kafka, Musil, Proust zu vergleichen ist. D'Arrigo bannt diese ganze Welt in nur vier Tage: Ein 1943 nach dem Zusammenbruch der Marine heimkehrender Matrose erfährt, was der Krieg aus seinen Menschen gemacht hat. Eine geheimnisvolle Frau hilft dem Fischer ohne Boot über die Meerenge, aber er muss erfahren, dass jede Heimkehr vergeblich ist, wenn der Tod das Ruder führt. 

Stefano D’Arrigo, 1919 in Alì Marina bei Messina geboren, schloss sein Studium mit einer Arbeit über Friedrich Hölderlin ab, übersiedelte nach Rom und debütierte 1957 mit einem Gedichtband, dem Ungaretti und Gadda einen Preis zusprachen. Ab da begann er mit der Arbeit an ›Horcynus Orca‹, der nach Jahrzehnten von Um- und Überarbeitungen 1975 erschien. 1985 folgte ›La cima delle nobildonne‹, 1992 starb D’Arrigo in Rom.

Vierzig Jahre nach dem Erscheinen ist es Moshe Kahn gelungen, den lange als unübersetzbar geltenden Roman zum ersten Mal in eine andere Sprache zu übertragen. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, für das sizilianische Italienisch mit seinen bildstarken und metaphernreichen Dialekten und erdigen Phonemen eine deutsche Entsprechung zu finden, die den großen Wurf des Romans, seine sprachliche Finesse und seine weiten Anspielungsräume lebendig werden lässt. Eine Glanztat.

Moshe Kahns Eltern flohen mit ihm während des Zweiten Weltkriegs vor der deutschen Judenverfolgung in die Schweiz. Kahn studierte Altorientalistik, Philosophie und Rabbinische Theologie in Deutschland, Italien und Israel und wurde in Altorientalistik promoviert. Er arbeitete zeitweise als Regieassistent an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, im Film bei Luchino Visconti in Italien, als Lektor für Hebräisch und Deutsch in Rom und Catania.1976 veröffentlichte Kahn zusammen mit Marcella Bagnasco die erste Übersetzung von Gedichten Paul Celans ins Italienische. 1987 begann er italienische Literatur ins Deutsche zu übersetzen. 2014 schloss er seine achtjährige Übersetzungsarbeit des Romans „Horcynus Orca“ von Stefano D?Arrigo ab, wofür er 2015 den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis erhielt. 

„Horcynus Orca“: Eine moderne Odyssee, ein grandioses, 1453 Seiten starkes Meeres-Epos, dessen Lektüre dem Leser einiges abverlangt, aber das ihn dafür lange in den Bann zu ziehen vermag.

S. Fischer Verlag, 2015