Buchtipp des Monats
Jeff VanderMeer "Auslöschung"
Buchtipp – Februar 2015Auslöschung ist das erste Buch der Southern-Reach-Trilogie des in den USA prominenten, aber hier noch wenig bekannten Autors, die zeitnah zur Originalausgabe in deutscher Übersetzung erscheint. Das ist ein Glück.
Jeff VanderMeer ist eine wirkliche Entdeckung für alle, die seit Stanislaw Lem so keine rechte Freude mehr an Science-Fiction fanden, - abgesehen von den ins Genre herüberschillernden Romanen Heinrich Steinfests, wie "Gewitter über Pluto“, oder Georg Kleins "Zukunft des Mars".
Auslöschung führt uns in eine vielleicht nicht allzu ferne Zukunft. Viele Alltagsdinge sind vertraut, die Menschen anscheinend kaum anders sozialisiert als in heutigen, westlichen Kulturen. Doch auf welchem Fleck der uns bekannten Erde wir uns genau befinden bleibt offen: Eigennamen oder Landschaftbezeichnungen gibt es im Buch nicht, weder reale noch fiktive. Deutlich wird, daß eine Regierung starke Kontrolle ausübt, die sich als Fürsorge maskiert. Auch die Regierungsorganisation Southern Reach handelt, wie sich zeigt, intransparent und manipulativ. So sendet sie die mittlerweile zwölfte wissenschaftliche Expeditionen in ein streng abgeriegeltes Gebiet, die Area X, wo unklare Naturphänomene, vielleicht auch Mutationen auftreten, deren schwer zu fassende Ursachen sie beunruhigen. Southern Reach, soviel wird klar, will die Kontrolle über die Expedition und ihre Unternehmungen behalten, vielleicht durchaus auch, um das Forschungsteam zu schützen. Doch das erliegt einer überraschenden Dynamik...
All das erschließt sich schrittweise im Lesen. Konsequent aus der Erzählperspektive der Biologin, die mit drei andern Wissenschaftlerinnen in die Area X aufbricht, entwickelt VanderMeer eine beklemmend vertraute und doch fremde Geschichte und wie nebenbei die Vision unbegreiflicher, evolutionärer Umwälzungen. So wie die feinnervigen Rhizome entgrenzter Organismen wird auch die Geschichte selbst zu einem komplexen Gebilde, deren Fortsetzung eigentlich zwingend ist.
Das Buch ist Science-Fiction, die auf die - reichlich abgegriffene - Ikonographie des Genres völlig verzichtet. Es ist auch ein Thriller und ein Entwicklungsroman, der eine philosophische Sicht auf unsere Werte und Wünsche wirft. Spannend und doch nüchtern - ja, fast lässig - erzählt.
Der von Michael Kellner sehr gut übersetzte Roman ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen. Ein Buch das man schwer aus der Hand legen kann. Tut man es aber doch und löscht das Licht, so leuchtet der Titel dem Leser phosphorisierend entgegen: Auslöschung. Unheimlich. Und unheimlich gut!