Veranstaltungs-Archiv

18.11.17 - 17.00 Uhr – Literaturhaus Hannover

Buchlust 2017: Isabel Fargo Cole

"Die grüne Grenze"

Moderation: Katharina Picandet (Edition Nautilus)

Ein junges Künstlerpaar, das ein Kind erwartet, zieht 1973 von Berlin aufs Land, in das Dorf Sorge, das in der Sperrzone der DDR im Harz liegt. Editha ist Bildhauerin mit staatlichen Aufträgen, Thomas hat seinen Debütroman geschrieben über ein jüdisches Kind, das, in einem Berliner Haus versteckt, 1945 von einem Offizier der Roten Armee gefunden und aufgezogen wird – es ist seine eigene Geschichte.

Nun will Thomas den Roman über die Grenze schreiben. Hat nicht schon Honecker verkündet, in der Literatur gebe es keine Tabus mehr? Ein historischer Roman bietet sich an, denn der Harz ist schon immer Grenze gewesen, verstrickt zwischen religiösen und politischen Machtsphären, Germanen und Slawen, Mensch und Natur. Thomas kämpft noch mit dem Material, als schon 1976 das politische „Tauwetter“ wieder vorbei ist. Die kleine Tochter Eli lernt in einer Welt sprechen, in der das Sagen und das Nicht-Sagen-Dürfen, das Wissen und das Wahrnehmen eine hohe Kunst sind. Thomas’ Spiele in imaginären Welten mit dem phantasiebegabten Kind sind höchst gefährlich. Als Thomas und Editha kurz vor der Wende von einem verdrängten Ereignis ihrer Vergangenheit heimgesucht werden, flüchtet Eli in den Wald – und über mehr als eine Grenze.

Die Amerikanerin Isabel Fargo Cole, mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin bedeutender DDR-Autoren, hat einen großen Roman über das Leben an der innerdeutschen Grenze geschrieben. Die grüne Grenze enthält viele Zitate: von Plinius, der über den germanischen Wald schrieb, bis zu Brecht, von Harzer Bergmannssagen bis zu Honecker-Reden. Die Autorin, die seit 1995 Russisch in Berlin studierte, lernte u.a. durch Küchentischgespräche im ostdeutschen Freundeskreis, durch Archivrecherchen und Wanderungen im Harz viel über den Mythos des deutschen Waldes und ebenso den Mythos DDR. Der Roman erzählt, wie der Einzelne auf ganz subjektive Weise mit der Last der Überlieferung umgeht, und behandelt die Frage: Was ist hier im Sperrgebiet, wo man regelmäßig Hundegebell und Schüsse hört, sagbar, was muss verdrängt werden?

Isabel Fargo Cole, geb. 1973 in Illinois, USA, wuchs in New York City auf. Sie studierte Literatur, Geschichte und Philosophie an der University of Chicago sowie Russisch und Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1995 lebt sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin. Sie hat u. a. Wolfgang Hilbig und Franz Fühmann ins Englische übersetzt. 2013 erschien ihre Novelle Ungesichertes Gelände. Die grüne Grenze ist ihr erster Roman, er wurde für den Klaus-Michael Kühne-Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt 2017 nominiert.

Der Eintritt zur Buchlust gilt für beide Tage und kostet inklusive Lesungsprogramm 4,- Euro. Zählkarten für die Lesungen gibt es auf der Buchlust jeweils ab 10.00 Uhr. Reservierungen vorab sind nicht möglich.