Buchtipp des Monats

Buchtipp – Januar 2020

Ursula März: „Tante Martl“

Ursula März kennt man als Literaturkritikerin. Mittlerweile hat sie sich auch einen Namen als Autorin gemacht. Patentante Martina, liebevoll „Martl“ genannt, ist die Protagonistin ihres ersten Romans.

Cover Ursula März: „Tante Martl“

„Tanten, sagt Ursula März in einem Interview mit Deutschlandfunk, seien immer Wesen, die an einer Familie dranhängen.“ So erzählt sie in verschiedenen meist heiteren, gelegentlich auch tragischen Episoden die Lebensgeschichte ihrer Patentante Martina.

Tante Martl, geboren 1925 als dritte von drei Mädchen, sollte eigentlich ein Junge werden, so der Wunsch des Vaters, und er lässt sie einfach beim Standesamt als Junge registrieren. Bald muss der Vater auf Drängen der Mutter diesen Unfug revidieren lassen und aus Martin wird endlich Martina.

Diese Geschichte macht in der pfälzischen Heimatstadt die Runde und bleibt zeitlebens Anekdote. Sie prägt das Leben der Tante von Kindheit an, die sich gerade wegen vieler familiärer Unwegsamkeit zu einer selbstständigen und selbstbewussten Frau entwickelt. Sie wird Volksschullehrerin, macht ihren Führerschein, kauft sich ein Auto und fährt alleine in Urlaub. In einer Zeit, in der man mit Emanzipation noch nicht so viel anzufangen wusste.  

Mit viel Empathie und einer Prise Humor zeichnet Ursula März das Porträt einer scheinbar unscheinbaren Frau der Nachkriegszeit, mit all ihren Ecken und Kanten, der es trotz aller familiären Widrigkeiten und Verletzungen gelingt, ein erfülltes Leben zu führen.

Wunderbar feinfühlig geschrieben. Sehr berührend und schön zu lesen, für jeden, nicht nur für Tanten.

Ursula März: „Tante Martl“. 2019. Piper Verlag, München 2019. Hardcover,  190 Seiten. € 20,00.

Von: Ellen Werner, Raabe-Haus:Literaturzentrum Braunschweig