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Buchtipp – August 2019

Unbefreit und doch befreiend

Auf der Amazonseite von Stokowskis „Untenrum frei“ steht, das Buch befinde sich auf Bestseller-Rang 2 der Kategorie „Erotik Geschenkbuch“. Nun ist es eine Sache, Amazon wegen üblicher Belange zu kritisieren, jedoch scheinen auch die Genre-Algorithmen verwirrt zu sein. Denn neben Stokowski tummeln sich in dieser Rubrik vor allem Bücher männlicher Autoren wie „Hosen runter: Was Frauen schon immer über Männer wissen wollten“ und „Mehr Lust für Ihn: Was Männer im Bett verrückt macht“. Zynisch kann man diese Gleichsetzung nennen, geht es bei Stokowski doch um weibliche sexuelle Emanzipation und das Bewusstsein von immer noch existierenden geschlechtlichen Machtungleichheiten. Wäre das Thema nicht so brisant, könnte man über diese »Erotik Geschenkbuch«-Liste noch lauter lachen.

 

Zutreffender, wenn auch nicht weniger schwammig, ist vielleicht die Bezeichnung „Geschenkbuch“. Genau genommen wurde es mir geschenkt, genau genommen sehe ich es pathetischerweise als ein Geschenk an uns alle. Kein Buch hat mich bisher so emotional und politisch geprägt, das kann ich aus 20 Jahren Leseerfahrung sagen. Dabei ist es eines der neusten Bücher, die ich in wenigen Tagen tatsächlich zu Ende gelesen habe, was beim Studium von drei literaturwissenschaftlich basierten Fächer mit aus allen Nähten platzenden Literaturlisten selten vorkommt. Floskelartige Adjektive wie „pointiert“ und „schlau“ zu verwenden ist irgendwie immer leicht und angebracht, doch sind es nur mal genau diese Eigenschaften, die Stokowskis Buch innehat. Sie bringt auf den Punkt was gesagt werden muss und ist dabei ehrlich. Statt nur zu schimpfen und zu rügen gibt sie sich selbstreflektiert, zum Beispiel hätte sie auf jeden Fall auch bei den Social-Media Challenges zum Thema Schlankheit mitgemacht, wenn es sie damals gegeben hätte, schreibt sie.

 

Das Buch ist keine Fiktion sondern brachiale Realität. Sie gibt Gänsehaut auslösende Beispiele aus ihrem eigenen Leben und aus der Mitte der Gesellschaft, um auf die immer noch währende Unfairness, mit der Frauen im Alltag, im Beruf, von Fremden, von Vertrauten konfrontiert werden, Licht zu werfen. Ein politisches, philosophisches, kritisches Buch mit der eigenen Verletzbarkeit zu kombinieren erfordert Mut. Dabei noch humoristische Unterhaltung zu wahren, was irgendwie unmöglich scheint, hat neue Maßstäbe für meine Lektüre von Büchern dieser Gattung gesetzt. Witzig, aber nicht albern; inspirierend, aber nicht aufdringlich; selbstreflektiert, aber nicht selbstgefällig – Margarete Stokowski ist menschlich und literarisch ein Vorbild, das ich brauchte, um, ja, mein eigenes Denken zu überdenken.

Margarete Stokowski: Untenrum Frei. 2016. Rowohlt.

Von Theresa Croll, Literarisches Zentrum Göttingen