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Buchtipp – Februar 2020

Siri Hustvedt: "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen"

Siri Hustvedts Essayband ist eine Aufforderung zu interdisziplinärem Denken. Und noch dazu ein lehrreiches Lesevergnügen.

© Rowohlt

Ein Dialog zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen kann zermürbend sein – wenn er denn mal stattfindet. Häufig fechten die scheinbar dichotom funktionierenden Arbeitsweisen Wettkämpfe gegeneinander aus, die nur allzu häufig in folgender Auffassung münden: Naturwissenschaften würden verifizierbares Wissen, Geisteswissenschaften hingegen reine Denkanstöße produzieren. Die Autorin und promovierte Anglistin Siri Hustvedt hat mit „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ einen außergewöhnlichen Essayband vorgelegt, der  sich mit dieser einfachen Trennung nicht zufrieden gibt. »Ich hüte mich vor dem Absoluten in jeglichen Formen», stellt sie in der Einleitung zu ihren Texten klar.

Und dieses Versprechen löst sie ein.  20 »Essays über Kunst,  Geschlecht und Geist« warten auf die Leser*innen, die für die Lektüre der thematisch abwechslungsreichen Texte kein Vorwissen mitbringen müssen, lediglich der Wille zu einer ergebnisoffenen Lektüre ist Voraussetzung. Bringt man diesen offenen Geist mit, nimmt Hustvedt einen mit auf eine Reise durch die verschiedensten Aspekte der Wissenschafts- und Menschheitsgeschichte, wobei ganz verschiedene Themen aufgeworfen werden.  Im einleitenden und namensgebenden Essay des Bandes spürt sie den Schicksalen abgebildeter Frauen in der bildenden Kunst nach. Was heißt es, wenn Männer nach heteronormativen Maßstäben Frauenkörper abbilden? Welche Rolle spielen wir Rezipient*innen? Diesen Fragen geht sie – auf typische Siri-Hustvedt-Art – assoziativ und zugleich wissenschaftlich fundiert auf den Grund. Ausgehend von ihren persönlichen emotionalen Zugängen zu den Kunstwerken versucht sie, Erklärungsansätze zu finden, wobei sie niemals die Möglichkeit von reiner Objektivität suggeriert.

Neben ästhetischen Phänomenen, die in der breiten Wahrnehmung am ehesten noch die Erlaubnis zu haben scheinen, eine unerklärliche Wirkung zu entfalten, schreckt Siri Hustvedt aber auch vor Themengebieten nicht zurück, die den „hard sciences“ zugerechnet werden.  Der Essay »Ich weinte vier Jahre lang, und als ich aufhörte, war ich blind«  startet mit der Beschreibung des Schicksals kambodschanischer Geflüchteter, die Grausames sahen und überlebten und fortan blind waren – was als Konversionsstörung diagnostiziert wurde, lange Zeit zu den „hysterischen“ Krankheiten zählend. Die Autorin unternimmt einen retrospektiven Überblick über ähnliche Diagnosen und ihre Hintergründe und lässt es sich dabei auch nicht nehmen, bei Anlass gewisse wordings zu kritisieren und zu dekonstruieren. Aus rein medizinischer Sicht wäre das Ergebnis nicht befriedigend, denn es gibt keine umfangreiche Erklärung für solche Krankheiten. Hustvedt hingegen schöpft fast schon optimistischen Mut aus der Erkenntnis, dass die Wissenschaften eben noch in vielerlei Hinsicht unwissend ist. Ihr Appell: »Es verlangt auch, Ideen aus der Vergangenheit ernst zu nehmen und die Hybris des Hier und Jetzt abzulegen.«

Eine komplette Ablehnung jeglicher Hybris zieht sich durch den gesamten Band, der eben auch deswegen vor Klugheit und Differenziertheit nur so strotzt. Siri Hustvedt zeigt auf, wie produktiv ein Zusammendenken von Natur- und Geisteswissenschaften als eine Form produktiver Wissenschaftspoesie sein kann, wenn man sich in gegenseitiger Anerkennung übt. Und der Gewinn, den man aus der Lektüre zieht, kann ganz unterschiedlich sein. Man kann sich daran erfreuen, gemeinsam mit der Autorin beispielsweise der Frage nachzugehen, wie wohl Schriftsteller*innen eigentlich auf die Themen kommen, die sie in ihren Werken verhandeln, oder gemeinsam mit ihr hinterfragen, inwiefern eigentlich unsere Denkweisen von bestimmten Personen und ihren Lebenswelten geprägt sind. Oder man findet auch etwas Tröstliches daran, dass Wissenschaften eben nie in der Lage sein werden, alles erklären zu können.

Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen, Rowohlt, 2019

Von: Amelie May (Literarisches Zentrum Göttingen)