Buchtipp des Monats

Buchtipp – Oktober 2020

Roman Ehrlich und Michael Disqué: „Überfahrt“

Bei Spector Books, einem Leipziger Kleinverlag, der Bücher auf der Schnittstelle von Kunst, Theorie und Design verlegt, veröffentlichte der Schriftsteller Roman Ehrlich gemeinsam mit dem Fotografen Michael Disqué den Text-Bild-Essay „Überfahrt“.

Spector Books, Buchcover

Das Buch erschien im Frühjahr 2020 als Band #4 der Reihe Volte expanded, in der zeitgenössische Literaturen in ein Wechselspiel mit Bildern und Buchgestaltung treten. Nach „Theater des Krieges“ (2017) ist es ihr zweites für Spector Books realisiertes Projekt.

Wie ein besonders ästhetischer Reiseführer tritt das Buch auf mit seinem Einband aus transparenter Folie. Schwarz auf Schwarz ist der Titel, sind die Namen der Künstler gesetzt. Und tatsächlich geht es um eine Reise: Vierzig Tage haben Roman Ehrlich und Michael Disqué zusammen auf einem Containerschiff von Hamburg nach Qingdao (China) verbracht. Das Buch, das aus der Reise hervorging, ist keine Dokumentation. Die teilnehmende Selbstbeobachtung der beiden Künstler fragt nicht nach Wetter, Menüfolge und Unterhaltungsprogramm als den Eckpunkten, die für maritime Pauschaltouristen von Interesse sein dürften. Während Kreuzfahrtunternehmen ihren verwöhnten Urlaubsreisenden ein Höchstmaß an Komfort, Luxus und Entertainment als „vollversorgte Freizeit“ in Aussicht stellen, sind die Passagiere auf den Containerschiffen „nachrangig Angehängte an ein Teilstück des logistischen Prozesses des Welthandels“. „Im Vorfeld ihrer Reise“, heißt es im Text, „haben die Passagiere eingewilligt, eine Fahrt zu unternehmen, die kein Abenteuer ist“. Um den reibungslosen Transport der Container nicht zu gefährden, sind alle an Bord Beschäftigten bestrebt, besondere Vorkommnisse und Störungen zu vermeiden. Tatsächlich ist die Ereignislosigkeit das prägende Erlebnis der vierzig Tage an Bord des 365 Meter langen Frachtriesen. Sie wirft die Künstler auf sich selbst zurück. Sie lässt ihren Blicken und Gedanken Raum. Es sind Gedanken über den politischen Kontext des weltweiten Güterverkehrs, den Verlust der Festlandwirklichkeit und die brüchigen Mythologien der Seefahrt. Zur Reiselektüre der Künstler gehören auch klassische Seefahrterzählungen. Den heutigen Seeleuten mit ihrem von der Reedereizentrale gesteuerten Leben, der Gleichförmigkeit ihrer Arbeitstage und der Ereignislosigkeit an Bord versagen zunehmend die Stimmen, wenn sie zurück an Land sind. „Das Anekdotische der Seefahrt ist reduziert auf die Berechnungen der Zentrale, die täglich per Mail auf den Schiffscomputern eintreffen, auf Statistiken, Nennwerte und technische Daten“. Deshalb gibt es keine Narrative über den banalen Alltag der zeitgenössischen Seefahrt. „Überfahrt“ ist auch ein Versuch, dieser Leerstelle zu begegnen.

Von: Monika Eden, Literaturhaus Oldenburg