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Buchtipp – April 2019

Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Enteignung“

An den großen Erfolg seines Romans „Fremde Seele, dunkler Wald“ anschließend, erzählt Reinhard Kaiser-Mühlecker in „Enteignung“ erneut von Beziehungsgeflechten und stellt wie nebenbei existenzielle Fragen des Lebens.

© S. Fischer Verlag

Nach mehreren Jahren im Ausland kehrt der Erzähler, ein erfolgreicher Journalist, zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Nie hat er sich hier wohlgefühlt, doch was als vorübergehender Besuch geplant ist, zieht sich in die Länge. Er schreibt für die sich zum Boulevardblatt entwickelnde Lokalzeitung, beginnt bei einem landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten, stürzt sich in kurzlebige Liebesabenteuer und verbringt seine Freizeit mit seinem Kater. Doch nichts davon kann ihm das Gefühl von Zugehörigkeit verleihen, nichts davon gibt seinem Leben ein Ziel.

Obwohl der Protagonist sich in Beziehungen zu anderen einsam fühlt und sich unaufrichtig verhält, wird er über die Zeit in ihre Sorgen verwickelt. Er deckt das Liebesverhältnis des Bauern, für den er arbeitet, während er seinerseits eine Affäre mit dessen Frau anfängt. Diese setzt ihn allerdings unter Druck: Nach einer Enteignung streiten sie und ihr Mann mit den Behörden, diese Angelegenheit soll der Journalist in ihrem Sinne lösen. Ohne moralische Prinzipien gerät die Hauptfigur ständig in Zweifel über ihre Handlungen. Nähe und Distanz bilden ein Spannungsverhältnis – der Erzähler setzt sich stark für seine Mitmenschen ein, zugleich fehlt ihm eine unmittelbare Verbindung zu ihnen.

Kaiser-Mühlecker beschreibt Personen und Alltag mit einem faszinierenden Detailreichtum, der zum Schmunzeln bringt. Mit Reflexionen über Begegnungen, bei denen sich niemand wirklich nahekommt, schafft der Autor eine Stimmung der Melancholie. Was gibt Halt, wenn sich alles permanent verändert? Ohne sie jemals auszusprechen oder plakativ zu beantworten, wirft der Roman tiefgreifende Fragen des Lebens auf.

1982 geboren, wuchs Reinhard Kaiser-Mühlecker in Oberösterreich auf. Nach dem Abitur studierte er in Wien Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung. „Der lange Gang über die Stationen“, sein Debüt, erschien 2008, es folgten weitere Romane, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt. „Fremde Seele, dunkler Wald“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung. 2019, S. Fischer Verlag.

Von: Pauline Hatscher, Literaturbüro Lüneburg