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Buchtipp – Oktober 2019

Michaela Karl: „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen“ Maeve Brennan. Eine Biographie

Ende der 1990er Jahre wurden Maeve Brennans Erzählungen wiederentdeckt, seitdem wird sie gefeiert als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Diese Biographie zeichnet das Portrait der Schriftstellerin als einer selbstbestimmten Frau.

© Hoffmann und Campe

Maeve Brennan, 1917 in Irland geboren, emigriert, als sie siebzehn Jahre alt ist, mit ihrer Familie in die USA. Sie arbeitete als Werbetexterin für Harper’s Bazaar und landete dann beim legendären New Yorker. In ihrer Rubrik „Die langatmige Lady“ betreibt sie Kulturanthropologie: Sie beobachtet ihre Stadt und kommentiert Themen wie Mode, Geschlechterfragen und Klassenunterschiede. Von der Oberschichtslady bis zur Toilettenfrau nimmt sie alle gesellschaftlichen Schichten in den Blick. Brennan charakterisiert Personen und Ereignisse voll Detailreichtum und Ironie. Über die Zeitschriftenkolumne hinaus verfasst sie zahlreiche Kurzgeschichten. Sie handeln häufig von entfremdeten Ehepaaren und sind in der irischen Gesellschaft angesiedelt, von der Brennan geprägt war und die sie wegen ihrer strengen Konventionen als rückständig empfand. So schleichen sich häufig auch Spuren von Bitterkeit und Wehmut in die Texte. Seit 2003 erscheinen Brennans gesammelte Erzählungen in der hervorragenden Übersetzung von Hans-Christian Oeser im Steidl Verlag.

Michaela Karls Biographie lässt die Persönlichkeit der Schriftstellerin Maeve Brennan lebendig werden. Bereits in den 1950er Jahren ist Brennan eine emanzipierte Frau, bricht alle Zwänge auf: Sie trägt kurze Kleider, hat zahlreiche Affären und lässt sich scheiden. Die zweite Hälfte von Maeve Brennans Leben aber ist geprägt von Vereinsamung und psychischen Problemen. Sie wird obdachlos, schläft in den Büroräumen des New Yorker. Schließlich wird sie in ein Heim eingewiesen, wo sie 1993 stirbt.

Mit Zitaten aus Kurzgeschichten und Briefen umreißt Michaela Karl Maeve Brennans Gedanken und Gefühle, zieht Verbindungen zwischen deren Leben und schriftstellerischer Arbeit. In Exkursen erläutert die Biographin historische Hintergründe und Lebensgeschichten von Brennans Familienmitgliedern und Freunden. Zwar sind diese Abschweifungen mitunter sehr ausführlich geraten, doch sie geben einen Einblick in die New Yorker Gesellschaft und Maeve Brennans Lebenswelt. Auf diese Weise fügt sich das plastische Bild einer vielschichtigen und faszinierenden Frau zusammen. Brennan, die mit Truman Capote bekannt war, könnte mit ihrem stilvollen Auftreten und ihrer emanzipierte Lebensweise Vorbild für die Figur Holly Golightly aus seinem Roman „Frühstück bei Tiffany“ gewesen sein.

Michaela Karl lehrt an der Hochschule für Politologie in München. Ihre Biographien über Zelda und F. Scott Fitzgerald, Bonnie und Clyde sowie Dorothy Parker waren hochgelobte Bestseller.

Michaela Karl: „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“ Maeve Brennan – Eine Biographie. 2019, Hoffmann und Campe.

Von: Pauline Hatscher, Literaturbüro Lüneburg