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Buchtipp – August 2017

Maxim Biller: "Hundert Zeilen Hass"

Dreißig Jahre ist es her, dass seine monatliche Kolumne zum ersten Mal im Lifestyle-Magazin Tempo erschien. Nun sind sie gesammelt in einem Buch zu haben. Inklusive: Ein Register aller Personen, an denen Biller sich abarbeitete.

Hass steht im Ruf, undifferenziert und zerstörerisch zu sein. Als Katalysator gesellschaftlicher Missstände ist er dabei überpräsent. Warum sollte also ein Buch, dessen Titel ankündigt, Hass zu propagieren, nicht äußerst entbehrlich sein? - Ein Buch, dessen Inhalt vorwiegend den frühen Neunzigern entstammt und dessen Gestaltung ein karges Manifest verheißt. In schnörkelloser schwarzer Schrift auf hellgrünem Leinen steht da: Maxim Biller "Hundert Zeilen Hass".

Das ist der Titel, unter dem das damals junge, heute jung gebliebene enfant terrible unter den öffentlichen Intellektuellen seinen geballten Feindseligkeiten Platz machen durfte. Dreißig Jahre ist es her, dass seine monatliche Kolumne zum ersten Mal im Lifestyle-Magazin Tempo erschien. Nun sind sie gesammelt in einem Buch zu haben. Inklusive: Ein Register aller Personen, an denen Biller sich abarbeitete. So kann die Leserin ganz fix zu ihrer meistgehassten Persönlichkeit springen. Biller hat sicher was Fieses zu ihr geschrieben. Und nicht nur Einzelpersonen; auch über kulturelle Phänomene lästert er scharf. Der Sommer?! „Ein klimatisch bedingtes Enthemmungsmodell“. Tourismus?!  Lediglich Eskapismus, würde Biller behaupten: „Denn was soll man von Leuten halten, die einerseits den läppischen Ungereimtheiten ihrer läppischen Existenz durch aufwendige Trips in besonders fremde Länder zu entfliehen suchen, andererseits aber erst recht keinen Sinn für dortige Ungereimtheiten entwickeln.“

Das ist die berühmte, unausstehliche Hybris des Maxim Biller. Das unrühmliche Arsenal, mit dem er sich über alle erhebt, reicht von Gemeinheiten bis zu schlicht vulgären Ausfällen. Das offene Geheimnis ist, dass es sich dabei um eine Finte handelt. Seine Arroganz bricht der Autor immer wieder selbst. Wenn er Touristen mit Ameisen gleichgesetzt, kommt er nicht umhin sich selbst als Tourist zu entlarven, „bin ich halt auch eine Ameise“, schreibt er lapidar.

Deshalb ist Polemik – weniger plakativ als Hass vielleicht – die passendere Genreeinordnung für die Tempo-Kolumnen. Polemik, in seinem Wortsinne als Krieg treiben verstanden, macht dabei nicht nur deutlich, dass es sich um einen mehrparteiischen Streit handelt, sondern auch dass hier mit bewusst unverhältnismäßigen bis überhitzt unüberlegten Mitteln gekämpft wird. Die Textserie ist eine Sammlung durch kleine wie große Verstimmungen gleichsam aufgehetzter Tiraden. Als zynisches Dokument seiner Zeit beruhigend folgenlos, dabei stets klug und amüsant gestatten die knapp 400 Seiten ein pausenloses, süffisantes Schmunzeln.

Maxim Biller: Hundert Zeilen Hass, Hoffmann & Campe, 2017

Von: Eva Tanita Kraaz (Literarisches Zentrum Göttingen)