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Buchtipp – Juli 2019

Katharina Pessl: "Andere Sorgen"

Muss man tun, was von einem erwartet wird? Ist der freie Wille Segen oder Fluch? Das fragt sich auch die Protagonistin des Debutromanes von Katharina Pressl.

Die Mutter muss ins Altenheim, weil sie das große Familienhaus nicht mehr alleine bewältigen kann. Ihre jüngere Tochter reist zurück in die alte Heimat, um das Haus auszuräumen, das weitervermietet werden soll. Beim Ausräumen findet sie Erinnerungsstücke, die ihre Kindheit, das Verhältnis der Eltern, die längst geschieden sind, und ihr Aufwachsen im Ort wieder lebendig werden lassen. Doch eigentlich hat sie andere Sorgen: Sie ist mit ihrem ereignisarmen Leben unzufrieden und wünscht sich, auch vom eigenen Ich loszukommen, von der Melancholie des Normalen: „Man müsste ausbrechen können in ein neues Leben, ohne sein altes Ich mitnehmen zu müssen.“

Im Ort trifft sie auf ihre frühere Clique und auf Malina, die als Pflegerin im Altenheim, in dem die Mutter unterkam, arbeitet. Malina ist Ehefrau und selbst Mutter. Sie würzt ihr eintöniges Leben, indem sie Verbotenes tut. „Aus purer Freude an der Aufregung“. Die Begegnung mit Malina fordert die Erzählerin heraus, selbst Widerstand gegen den „normalen Wahnsinn des Alltags“ zu leisten, weit zu gehen - auch zu weit.

Am Ende des Romans ist das Haus leer und die Protagonistin steht vor der Entscheidung, dem Leben eine neue Richtung zu geben. Das Ende verstört und lässt viele Fragen offen.

Katharina Pressl erzählt in durchweg lakonischem Ton. Sie beschreibt mit Leichtigkeit den Alltag der Personen, die Normalität mit ihren Widersprüchen,  Widerständen und Herausforderungen. Das Leben bleibt unberechenbar, Segen und Fluch.

 

Katharina Pressl: „Andere Sorgen“. 2019. Residenz Verlag, Salzburg-Wien. Hardcover, 184 Seiten. € 20,00.

Von: Ellen Werner, Raabe-Haus:Literaturzentrum Braunschweig