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Buchtipp – März 2019

Katharina Adler: »Ida«

Katharina Adler erzählt in ihrem Debütroman ihre eigene Familiengeschichte: die Geschichte ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, die als »Fall Dora« in die Geschichte der Psychoanalyse einging und zu einem Sinnbild weiblichen Widerstandes wurde, weil sie mit 18 Jahren ihre Therapie bei Freud eigenmächtig abbrach.

© Rowohlt

Ida wird 1882 in Wien als Tochter eines jüdischen Textilfabrikanten geboren. Als Jugendliche entwickelt sie unterschiedliche Krankheitssymptome (Hustenanfälle, Atemnot und Heiserkeit bis hin zum Stimmverlust). Als mehrere Ärzte an einer Diagnose scheitern und sich Idas Zustand immer weiter verschlechtert, stellt ihr Vater sie bei Sigmund Freud vor.

Als Freud erfährt, dass sie vom Ehemann der Geliebten des Vaters bedrängt wird - zunächst emotional, später auch sexuell – degradiert er sie zu einer Simulantin. All ihre körperlichen Symptome lassen sich auf die Beziehung zu diesem Mann interpretieren: Ihre Stimmlosigkeit sei die Verzweiflung darüber, ihre Gefühle nicht offen kommunizieren zu können, mit ihren Hustenanfällen errege sie die Aufmerksamkeit und die Sorge ihres Vaters, durch einen klassischen Ödipus-Komplex das eigentliche Ziel ihrer Sehnsucht und Liebe, sogar bei ihre Blinddarmentzündung habe es sich um eine sogenannte Scheinschwangerschaft gehandelt (es sei schließlich kein Zufall, dass sie genau neun Monate nach einem aufgezwungenen Kuss erfolgt sei). Mit 18 Jahren entschließt sie sich nach nur drei Monaten eigenmächtig, die Kur abzubrechen.

Katharina Adler erzählt weit mehr als die Vorgänge in Freuds Praxis, auch wenn sie diesen durchaus viel Raum gibt. Das längste und zentrale Kapitel ziemlich genau in der Mitte des Buches schildert die Geschichte der Patientin, die Freud später als »Fall Dora« berühmt macht. Darumherum spinnt Adler die Lebensgeschichte von Ida Bauer und geht dabei weit über die Geschehnisse in der Praxis hinaus. Ida betreibt zeitweise einen Bridgeclub, heiratet in der Hoffnung, aus ihrem Mann werde ein begnadeter Komponist, verkehrt mit der Elite der österreichischen Sozialdemokratie – ihr Bruder Otto wird nach dem 1. Weltkrieg für kurze Zeit Außenminister.  Nach dem »Anschluss« Österreichs emigriert Ida 1938 zunächst nach Paris, später nach New York. So gelingt es Adler nicht nur, die spannende Biographie einer historischen Persönlichkeit nachzuerzählen, sie berichtet außerdem von den politischen und sozialen Umbrüchen eines halben Jahrhunderts. 

Von: Miriam Weinrich, Literarisches Zentrum Göttingen