Buchtipp des Monats

Buchtipp – September 2020

Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister

Nicht zu vergessen: 2020 ist auch Hölderlin-Jahr. Das herausragende Buch dazu kommt von Karl-Heinz Ott und ohne die üblichen Rätselfragen um den angeblich deutschesten aller Dichter aus.

© Hanser Verlag

Vielmehr liefert Ott mit „Hölderlins Geister“ eine hochinteressante Chronologie der jüngeren deutschen Geistesgeschichte.  Zwar erfahren wir auch alles Wissenswerte über Friedrich Hölderlins Leben, zu dem die Wohngemeinschaft mit Hegel und Schelling gehört, wie sein langes Leiden, doch erliegt Ott nicht wie so viele andere Dichterbiographen der Versuchung, den Dichter zu pathologisieren oder ihn sich ästhetisch oder gar politisch einzuverleiben. Stattdessen zeichnet der erfolgreiche Theater-, Essay- und Romanautor, der bereits zu Händel und auch aktuell zu Beethoven Künstlerbiographien verfasst hat, die enorme Rezeptionsgeschichte Hölderlins spannend  nach.

Ott bändigt die verzweigten Wege des ungewöhnlichen, widersprüchlichen Erfolgs von Hölderlins schwer verständlichem Werk in zahlreichen, kleinen Kapiteln, die er wiederum fünf Abschnitten zuordnet: Tübinger Visionen, Der bräunliche Hölderlin, Die Wahnsinnsmaske,  Griechisches Licht und Forever Young.

Diese über hundert Aspekte eines Künstlers, seines Werkes und dessen Rezeption zeugen von den zahlreichen Vereinnahmungen Hölderlins im 19. und 20. Jahrhundert, aber auch von Karl-Heinz Otts großem Talent, unterhaltsam von einem komplexen Thema zu erzählen, von Präzision in der Recherche und dem zugrunde liegenden, dramaturgischen Anspruch, nichts dazu zu erfinden, sondern offen zu lassen, was wir nicht wissen können.

„Hölderlins Geister“ legt dafür offen, was man bei dem Dichter suchte und zu finden glaubte, von rechts wie von links, von Heidegger bis Rotem Stern: die  Vision göttergleicher Menschen, das Ideal eines Heldentods auf den Schlachtfeldern der Weltkriege bis zum Ideal eines lebenslangen Widerstands gegen politische Verfolgung und dem eines unblutigen Revolutionärs. Vor allem aber zeigt sich, wie wenig Hölderlin in all diesen Zuschreibungen steckte, dass es um Bruchstücke eines Oeuvre ging, die immer wieder neu interpretiert wurden und um Projektion auf das Leben, eines angeblich an der Welt wahnsinnig Gewordenen.

Ein wichtiges Buch, das auch in aktuelle Debatten dieses Jahres 2020 passt, in dem Hölderlins Geburtstag 250 Jahre zurück liegt.

Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister, Hanser Verlag, München 2019, 240 Seiten, 22,00 €, auch als E-Book erhältlich

 

Von: Kathrin Dittmer, Literaturhaus Hannover