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Buchtipp – März 2017

Hans Christoph Buch: "Elf Arten, das Eis zu brechen."

Hans Christoph Buch gilt als ein Reisender unter den deutschen Schriftstellern. Auf jeden Fall ist er einer, der schon immer über den Tellerrand geblickt hat und dem globales Denken vertraut war, bevor es ein Synonym für Marktstrategien wurde.

© Frankfurter Verlagsanstalt

Wir verdanken Buch mittlerweile über 40 Veröffentlichungen. Neben seinen Romanen und Geschichten auch Essays und politisch-erzählerische Berichte wie "Apokalypse Afrika - Schiffbruch mit Zuschauern" (2011) über das fatale Fortwirken kolonialer Vergangenheit. Nun hat Hans Christoph Buch mit Elf Arten das Eis zu brechen wieder einen Roman vorgelegt. Allerdings lässt sich darüber streiten, ob es denn ein Roman ist. Doch lassen wir die  germanistischen Kategorien beiseite und gucken, was wir in der Hand haben.

Zunächst scheint es ein Erinnerungsbuch zu sein. Schliesslich erzählt Hans Christoph Buch erstmals in seinem Werk von seiner Familie. Zudem ist das Buch in die Abschnitte "Wer bin ich?", "Woher komme ich?" und "Wohin gehe ich?" unterteilt. Auch das legt eine bilanzierende, autobiographische Erzählung nahe. Doch es hat auch einen titel- und motivgebenden Vorspann. Und hier ist schon nicht sicher, was ist Erinnerung, was völlig erfunden: Wir befinden uns auf dem Eisbrecher Almirante Irizar, wo der Kapitän zum Geklimper der Eiswürfel im Whiskyglas darüber räsoniert, dass es elf Arten gäbe, das Eis zu brechen und der bildungssatte Erzähler an Kafkas gefrorenes Meer in uns, Caspar David Friedrich und Chodassewitsch denkt. Wohin, oder besser gefragt, worum geht es also?

Im ersten Teil "Wer bin ich?", geht es um Auslandserfahrungen, Konfrontation mit Totalitarismus, um Missverständnis und Verständnis und die eigentümliche Rolle des Europäers in der "unfreien Welt". In einer Episode im Moskau der 1960er Jahre, in dem der junge Buch sich als cooler Grenzgänger empfindet, entpuppt er sich im Nachhinein als völlig naiv und kläglich von Geheimdienstlern manipuliert. Die späte Entdeckung von Familien-Dokumenten über die gescheiterte Hochzeit von Buchs Tante mit einem Deutschen irritiert noch mehr. Dass die haitianische Mutter der jungen Frau der Deutschen Botschaft damals ganz im Sinne des herrschenden NS-Regimes als "rassisch bedenklich" galt, ist naheliegend. Also stutzt man dann doch, dass Buch so spät auf diese Familiengeschichte stösst. Hat es ihn nicht interessiert, hat er es ignoriert?

Der Abschnitt "Woher komme ich", ist der Erinnerung an die Eltern gewidmet. Der über die Mutter heisst anspielungsreich "Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß". Die Distanz zu den Eltern scheint im Rückblick verstörend und dies lag - so Buchs schmerzliche Erkenntnis -, zumindest was den Vater angeht, keineswegs immer an den Eltern.

Im dritten Teil: "Wohin gehe ich" befinden wir uns nach der Schilderung fast slapstickhafter Hilflosigkeit gegenüber durchaus hartnäckigen Fremden wieder auf dem Eisbrecher, in durch sinnlose Rituale gekennzeichneter Männergesellschaft. Buch schildert eine missglückte Arktis-Expedition und das Schicksal zweier untergegangener Forscher. Nur eine verlässliche Husky-Hündin erweist sich allen Herausforderungen gewachsen. Hier kommt nun die seltsamste und mehrfach gespiegelte Figur ins Spiel: Ein Alter Ego des Autors namens Hans Busch, Arktis-Forscher aus der DDR, der behauptet, ihm sei von einem H. C. Buch die Identität gestohlen worden. Das Buch endet - das ist nun unausweichlich - im ewigen Eis.

Was in Elf Arten, das Eis zu brechen zunächst willkürlich collagiert und manchmal abrupt erscheint, entpuppt sich als konsequent konstruiert. Die drei Teile des Buches fügen sich zu etwas Neuem zusammen: Zu einer Bilanz des eigenen, manchmal lächerlichen Scheiterns, das doch nichts anderes ist, als das eigene Leben zu leben, so wie man es versteht und vermag. Dabei ist der Erzähler keineswegs larmoyant, sondern gelassen, manchmal heiter und auf subtile, fabelhafte Weise nüchtern.

Elf Arten das Eis zu brechen ist also kein klassisches Erinnerungsbuch, sondern mehr: Eine zum Teil hochironische Reflexion auf das eigene Selbst, die eigenen Position, Wege und Umwege. Was man glaubt zu erreichen und was zum Schluss übrig bleibt. Sehr wenig, wenn man dem Erzähler folgt und was es ist, bleibt fraglich. Doch das zu beurteilen, überlässt der Schriftsteller Hans Christoph Buch klug dem Leser.

Elf Arten, das Eis zu brechen ist 2016 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

Von: Literaturhaus Hannover: Kathrin Dittmer