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Buchtipp – Februar 2018

Hana

ist die Geschichte einer albanischen Schwurjungfrau. Elina Dones' Roman zählt zu den besten Neuerscheinungen des Winters, wurde bereits verfilmt und 2015 auf der Berlinale gezeigt. Nun liegt das Buch der Tessiner Autorin auch auf Deutsch vor.

©ink press

"Mit einer trockenen Fotze kann man keine guten Gedichte schreiben, sagt sie sich im Stillen." Das ist einer der ersten Sätze in Elvira Dones Roman Hana, der 2017 beim (noch) sehr kleinen, sehr feinen Zürcher Verlag ink press erschienen ist und überraschend im Dezember auf der Perlentaucher-Liste der besten Bücher des Monats gelandet war. Eine Übersetzung aus dem Italienischen; die Autorin und Filmemacherin (vornehmlich fürs Schweizer Fernsehen) ist eine in Albanien geborene Schweizerin. Tessinerin, um genau zu sein.

Diejenige, die sich diesen eingangs zitierten Satz im Stillen sagt, ist kurz zuvor von einem Mitreisenden im Flieger noch gefragt worden: "Dann sind Sie also Dichter, Herr Doda?"

Mit dieser Frage beginnt der Roman und mit dieser Schlüsselszene befinden wir uns gleich mittenmang. Hana alias Mark Doda hat fast fünfzehn Jahre lang als sogenannte Schwurjungfrau in den nordalbanischen Bergen gelebt, fast ausschließlich in Gesellschaft ihrer Tiere und Bücher. Weil sie sich nicht hat verheiraten lassen wollen, hat sie den nach altem traditionellen Rechtskodex Albaniens möglichen Schritt getan und die Identität eines Mannes angenommen. Indem sie ewige Jungfräulichkeit schwören, erhalten diese biologischen Frauen die Rechte eines Mannes. Waren die Schwurjungfrauen früher in verschiedenen Gebieten im Balkan verbreitet, gibt es heute nur noch ein paar wenige in Nordalbanien. Dones hat vorzüglich recherchiert. (Und im Nachgang zur Arbeit am Roman auch einen Dokumentarfilm darüber gedreht.)

Mitte der Achtziger hatte sich Hana also zu dieser Verwandlung entschlossen, nun aber sitzt die mittlerweile Vierundddreißigjährige in einem Flieger auf dem Weg zu ihrer in den USA lebenden Cousine, mit deren Hilfe Hana/Mark wieder in eine Frauenrolle zurückfinden will. In sieben Kapiteln spannt der Roman den Bogen vom Walt-Whitman-Lesen in der einsamen Berglandschaft bis zum Unterwäschekauf in der Shopping Mall, vom endlosen Raki-Trinken unter wortkargen Männern zum Testlauf eines Vibrators in einer New Yorker Nacht.

Den großen Reiz dieser seltsamen Geschichte macht fraglos ihre Geschlechterverwirrung aus. Auch wenn Hanas Geschichte an der Oberfläche gar nichts mit Trans- oder Intersexualität zu tun hat, passt sie gut in diese Denkzusammenhänge. Zum Beispiel, wenn anhand der oft hilf- und arglosen Reaktionen in Marks/Hanas überforderter Familie oder anhand Hanas eigener Beobachtungen beispielsweise der Cousine sich aufs Mal sämtliche Geschlechterzuschreibungen in ihrer Willkürlichkeit und oft auch Albernheit offenbaren.

An Dones’ Erzählstil macht sich vermutlich die Dokumentarfilmerin, die sie auch ist, bemerkbar: Niemals wertend, eher in recht schlichten Sätzen mit kühler Distanz das Geschehen betrachtend, aber doch sehr empathisch mit ihren Figuren, allen voran der Titelheldin. Unbeholfen wirkt der Text an wenigen Stellen nur dort, wo er um allzu poetische Bilder bemüht ist. Aber auch dieses leicht Hölzerne hat seinen Reiz, weil es zur Kantigkeit der Titelfigur passen will.

Ein irritierendes Buch, das obendrauf noch mit einem irritierend schön gestalteten Umschlag besticht  - visuell und haptisch ein Vergnügen -, der ein film still aus der Verfilmung des italienischen Original des Romans zeigt, die 2015 unter dem Titel Sworn Virgin auf der Berlinale zu sehen war.

Von: Anja Johannsen, Literarisches Zentrum Göttingen