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Buchtipp – November 2018

Delphine de Vigan: »Loyalitäten«

Ein kurzer Roman, der es in sich hat. Delphine de Vigan beschreibt darin die Abgründe zwischenmenschlicher Verbindungen.

© Dumont Verlag

Eine undurchdringliche Wand trennt Théos geschiedene Eltern. Nur er vermag es, sie regelmäßig zu überwinden und wandelt so zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine Woche lebt er beim Vater, eine bei der Mutter. Théos Vater hat seinen Job verloren, versinkt in Alkohol und Depression. Er hat weder die Kraft, sich um sich selbst und seine Wohnung, noch um seinen Sohn zu kümmern. Und Théo? Théo hält dicht, er hat es schließlich versprochen. Und so spielen sie verkehrte Welt, der Sohn kümmert sich um den Vater – soweit er kann. Wenn er dann zur Mutter zurückkehrt, will sie sowieso nichts wissen. Sie geht auf Distanz, bis ihr Gefühl, er habe sie im feindlichen Gebiet verraten, verfliegt. Natürlich spürt er das.

Um all dem zu entkommen, beginnt der zwölfjährige Théo heimlich mit seinem besten Freund Mathis zu trinken. Alkohol ist warm, Alkohol betäubt. Alkohol verspricht einen Augenblick des Verschwindens, in dem man niemanden mehr etwas schuldet. Doch Mathis wird immer mulmiger bei der Sache.

Es ist nur ihre Lehrerin Hélène, die erkennt, dass mit diesem Jungen etwas gewaltig schief läuft. Ihre Wut und Verzweiflung ist die der Leser*in, die nicht anders kann, als die Ignoranz der Erwachsenen zu verteufeln.

Dies ist also auch Hélènes Geschichte, und Mathis‘, und die der Mütter beider Jungen. Auch ihre Leben sind von scheinbar unüberwindbaren Loyalitäten bestimmt. Empathisch beschreibt de Vigan sie in all ihrer Zerbrechlichkeit und all ihrer Stärke. Die klare und doch so sanfte Erzählstimme wechselt oft unvorhergesehen zwischen Alltäglichem und Extremem. Fesselnde und elegante Prosa ergeben ein Buch, das einen so schnell nicht wieder loslässt.

Delphine de Vigan: »Loyalitäten«. 2018. Dumont. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Hardcover Leinen, 174 Seiten, € 20,-

Von: Hanna-Maria Vester, Literarisches Zentrum Göttingen

Von: Hanna-Maria Vester, Literarisches Zentrum Göttingen