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Buchtipp – September 2018

Anja Kampmann: "Wie hoch die Wasser steigen"

Mit ihrem ersten Roman, landete die Lyrikerin auf der SWR Bestenliste, wurde für den Leipziger Buchpreis und den Deutschen Buchpreis nominiert: zu Recht!

Anja Kampmanns Roman führt zunächst in die - wohl den meisten - fremde Arbeitswelt der Ölplattformen. Ein hartes Geschäft und ein risikoreicher Arbeitsplatz: isoliert, von der Technik abhängig, den Elementen ausgeliefert; ein Ort, an dem sich alle vollkommen aufeinander verlassen müssen. Diese Welt wird von Menschen beseelt und besetzt, die im Grunde Wanderarbeiter sind. Auch Wenzel und sein Freund Mátyás waren von lukrativem Auftrag zu Auftrag unterwegs, verbrachten lange Arbeitstage und Nachtschichten auf diesen winzigen, gottverlassen, künstlichen Inseln im nie verstummendem Lärm der Maschinen und des Meeres.

Wenzel ist jedoch inzwischen alleine. Wir kommen hinzu als Mátyás bei der Arbeit, nachts und zunächst unbemerkt, tödlich verunglückt. Als Wenzel sein Fehlen entdeckt, wird nach Mátyás nicht mehr gesucht, die Unfallursache nicht festgestellt. Wenzel zweifelt an der Sorgfalt des Teamleiters, einem empathielosen Mann, der sich selbst am nächsten ist. Die Crew beschweigt den Tod. Man fliegt Wenzel aus, alleine. Nachdem er einige Tage sprach- und bewegungslos in ihrem gemeinsamen Zimmer verbracht hat, reist er getrieben und fühllos, von Ort zu Ort. Es wird eine lange Fahrt.

Anja Kampmann erzählt diese Geschichte nicht linear. Wenzels Erinnerungsschübe durchbrechen immer wieder die Gegenwart, Vergangenheit und Gegenwart überblenden sich: Das Äußere erscheint geradezu überbelichtet in der empfindlich geschärften Wahrnehmung Wenzels, doch die Helligkeit blendet, man blinzelt mit ihm eigentlich ständig gegen das Licht. Das ist ein erstaunlicher, fast filmischer Effekt. So wie die meisterlich verwobenen, wechselnden Tempi im Sprachfluss, die den Zeitwechsel kennzeichnen, Rhythmus und Farbe haben.

Und doch ist das Buch nicht nur Sprache. Es gibt sehr viel, was man erfährt: Wenzels Trauer, die vielleicht eine Entsprechung mit der „brüllenden Stille“ im Auge des Sturms hat, über die Bedingungen dieser „Wander-Facharbeiter“, die sich auf ein Vagabundieren eingestellt haben, das sich mit Bindungen schlecht verträgt, über die sehr ausdifferenzierte Liebe zweier Männer, über Interessen der Industrie und Politik, über Mentalitäten und Realitäten, über Familie und wie man sie los wird, und  - nicht zuletzt über die See, den Weg der Winde, die Weite.

„Wie hoch die Wasser steigen“ schlägt  in den Bann, es leuchtet. Und es passt, dass Lutz Seiler - wie man auf dem Umschlag sieht - das Buch sehr lobt. Auch er ein Lyriker, kein Erzähler und trotzdem einer: Anja Kampmanns erster Roman ist ein echte Entdeckung!

Anja Kampmann: "Wie hoch die Wasser steigen". Roman. Hanser. München, 2018

Von: Literaturhaus Hannover, Kathrin Dittmer