Buchtipp des Monats

Veranstaltungen

Buchtipp – Mai 2018

Adriaan van Dis: „Das verborgene Leben meiner Mutter“ (Droemer 2016)

Adriaan van Dis erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter, die ihm erst hochbetagt Einblicke in ihre Biografie gewährt und damit eine Annäherung zulässt, die sie ihm lebenslang verwehrte.

Buchcover: Adriaan van Dis, Das verborgene Leben meiner Mutter (Droemer 2016)

Adriaan van Dis, niederländischer Bestsellerautor, Redakteur und Fernsehmoderator, wurde 1946 im nordholländischen Bergen geboren. Seine Eltern gehörten zu den Heimkehrern aus der Kolonie Niederländisch-Indien (heute Indonesien), die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder in der alten, neuen Heimat ansiedelten. Zwischen den Niederlanden und Indonesien bewegt sich auch die Lebensgeschichte seiner Mutter, die sie ihm lange verheimlichte. Statt ihren Sohn daran teilhaben zu lassen, hält sie ihre Vergangenheit jahrzehntelang unter Verschluss. Den Schlüssel zu der schweren Holztruhe, die sie nach dem Krieg mit in die Niederlande nahm, trägt sie an einer Kette um den Hals, wie ein Schmuckstück. Der Kampf um den Inhalt dieser Truhe eröffnet den Roman in Form einer handfesten Auseinandersetzung des zu diesem Zeitpunkt sechzehnjährigen Sohnes mit seiner Mutter. Die Mutter gewinnt und so, wie sie über die durch den Kampf gezeichnete Truhe das Batiktuch legt, das sie wieder zum Möbelstück macht, breitet sie auch über ihrer Lebensgeschichte weiterhin das Tuch des Schweigens. Hochbetagt erst beginnt sie, ihn an ihrer Vergangenheit teilhaben zu lassen. Sie willigt sogar ein, dass der Sohn ihre Erinnerungen in einem Buch festhält, doch der Preis ist hoch: Er soll ihr im Gegenzug einen sanften Tod bereiten.

Adriaan van Dis ist ein mitreißender Erzähler und großartiger Stilist. Sein Roman erzählt mehr, als die Lebensgeschichte einer Frau zwischen drei Kriegen und mehreren Männern. Er schildert auch die Geschichte einer Sterbebegleitung, die es dem Sohn, der lebenslang um die Liebe und Zuneigung der Mutter warb, nach und nach ermöglicht, sich mit der späten Annäherung auch von ihr freizuschreiben. “‘Das verborgene Leben meiner Mutter‘ ist ein Roman, der einen anrührt, ohne pathetisch zu werden, der intellektuell ist, ohne zu belehren. Es ist ein Buch, das die Sprachdisziplin eines erfahrenen Autors verrät und auf tragikomische Weise dem Kern menschlichen Daseins auf den Grund geht. Mehr als genug Grund, diesen außerordentlichen Roman mit dem Libris-Literaturpreis 2015 auszuzeichnen“, heißt es in der Begründung der Jury zum Libris Literaturpreis.

Von Monika Eden, Literaturbüro Oldenburg